Good Job Games Jurnalizm: Tiny Titan - Wer ist Christian Kirksey?

Good Job Games Jurnalizm: Tiny Titan – Wer ist Christian Kirksey?

Oder: Die liebe Not mit der „Recherche“

Plötzlich war er da, der kleinste Spieler, der wohl jemals über den grünen Rasen von Madden gesprintet ist: Christian Kirksey – der Tiny Titan.

Ein Glitch bei Madden NFL 15 sorgte dafür, dass der eigentlich 1,88m große Footballspieler plötzlich nur noch etwa 30cm maß. Darüber berichteten natürlich nicht nur zahlreiche amerikanische Seiten, auch im sonst eher Football-abstinenten Deutschland war das einigen Seiten eine kurze News wert. Witzig sah er ja aus, der Zwerg unter (den) Titanen.

Aber ganz egal, ob es am Ende drei Sätze oder drei Absätze waren, die über den Glitch geschrieben wurden, der gefühlte Großteil der News über den Tiny Titan ging fest davon aus, dass Christian Kirksey tatsächlich auch bei den Tennessee Titans spielt.

Die Vermutung lag nahe, alle Videos und Screenshots, die in den ersten Tagen aufgetaucht waren, zeigten Kirksey in der Uniform der Titans und dann war da ja auch noch sein Spitzname: Tiny Titan.

Wer sich die „Mühe“ gemacht hatte und seinen Lesern so viele Informationen wie möglich bieten wollte, der ergänzte den eigenen Text vielleicht noch um den Hinweis, dass der Glitch im Ultimate Team-Modus von Madden auftauchte.

Das hätte ein erster Hinweis darauf sein können, dass irgendetwas mit der eigenen Geschichte vielleicht nicht stimmt. Zumindest, wenn man weiß, dass im Ultimate Team-Modus zusammengewürfelte Mannschaften gespielt werden, die der Spieler aus digitalen Sammelkarten zusammenstellen kann. Oder wenn man einfach ein paar greifbare Fakten geprüft hätte:

Ist Christian Kirksey richtig geschrieben? Wie oft kommt gleich noch mal das N in Tennessee vor und was ist eigentlich ein Linebacker? Irgendwann und irgendwie wäre man im Zuge dieser „Recherche“ – man kann das Kind auch beim Namen nennen: bei der oberflächlichen Google-Suche – mit Sicherheit auch über die Wikipedia-Seite von Christian Kirksey gestolpert oder über die Berichterstattung zum NFL Draft – zwei naheliegende Anlaufpunkte, die mit der wertvollen Information aufwarten, dass Christian Kirksey im echten Leben überhaupt kein Titan ist, sondern im Draft 2014 zu den Cleveland Browns gestoßen ist.

Muss man nicht wissen, kann man aber herausfinden.

Und vielleicht sollte man das auch, wenn man sich schon die „Mühe“ macht, über das Video zu schreiben. Man braucht es aber nicht, wenn es am Ende doch nur auf die – mehr oder weniger – gute Überschrift ankommt.

Die kleine Welle an Artikeln und der teilweise fest verbauten Fehlannahme über die Teamzugehörigkeit des Tiny Titan wirft doch die Frage auf, wie viel „Recherche“ zumutbar ist. Vor allem, wenn „Recherche“ sich in diesem Fall auf eine knapp fünfminütige Google-Suche beschränkt.

Ist im ständigen Wettrennen darum, immer und überall der Erste zu sein nicht mal dafür Zeit? Reicht es, wenn das Fact Checking hoffentlich von den englischsprachigen Kollegen übernommen wurde, immerhin kennt sich der gemeine Amerikaner doch mit Football aus.

Das möchte man zumindest annehmen, aber selbst auf amerikanischen Seiten fand sich relativ oft derselbe Fehler, der sich so wahrscheinlich munter fortpflanzen konnte. Immerhin Seiten aus dem Raum Cleveland und Tennessee wussten, wie es um die Teamzugehörigkeit von Kirksey steht. Aber auch auf der anderen Seite des Atlantiks war der vermeintlich so deutsche Fehler zu finden und das sogar auf Sportseiten.

Vor allem war das bei den ersten Seiten der Fall, die über den Tiny Titan berichtet hatten. Kein Wunder, wahrscheinlich musste es schnell gehen, um vor allen anderen Entdeckern des Bugs online zu gehen. Je später es wurde, desto genauer berichteten manche Seiten – aber eben nur manche, nicht alle. Dabei ist doch gerade das der „Luxus“, den man sich leisten kann und leisten sollte. Wenn man schon nicht zu den Ersten gehört, dann kann man es wenigstens ordentlich machen.

Aber warum sollte man? Das Einzige, was zählt, ist am Ende doch die Überschrift, hinter die man auch ein Lorem ipsum oder eine Galerie packen kann. Muss reichen, kann reichen und wird reichen, für so etwas wie Substanz fehlt dann doch die Zeit, die Gelegenheit und vielleicht auch die Ressourcen.

Vielleicht fehlt aber auch einfach der Wille, wenn die Lust am Entertainment reicht und der Leser ganz am Ende auch nicht viel mehr als das erwartet? Ein witziges Video sagt doch mehr als tausend Worte. Und wenn das witzige Video vom Publisher direkt gereicht wird, macht das die Sache nur noch einfacher. Ein paar einleitende Sätze, ein Verweis auf die letzte Meldung zum winzigen Linebacker der Tennessee Titans und die Sache ist erledigt. Was soll es da noch zu überprüfen geben?

Details? Uninteressant:TinyTitan1

Der Tiny Titan ist schon wieder so gut wie vergessen. Es ist egal, für wen er eigentlich gespielt hat, wenn wir ihn noch mal wiedersehen, dann vielleicht am Ende des Jahres, in den Listen mit den besten Bugs und Glitches von 2014.

Mal sehen, wo er dann spielt.