Slugline: Personality und andere Baustellen

Slugline: Personality und andere Baustellen

House of Cards mag von Kevin Spacey, der Politik und dem ewigen Spiel um die Macht geprägt sein, aber am Rande der politischen Arena zeichnet die Serie noch einen ganz anderen, teilweise nicht weniger hart geführten Grabenkampf nach: Der neue gegen den alten Journalismus.

„It can be frustrating at times. He makes you double and triple check things and you want to get the news out the moment you have it. And he makes you rewrite until it’s perfect.“

Zoe Barnes, eine ambitionierte, junge Journalistin, beschwert sich mit diesen Worten über ihren Chefredakteur, klagt über starre Strukturen und festgefahrene Regeln, die ihrer Auffassung des Journalismus im Weg stehen. Es ist eine durchaus berechtigte Kritik, besonders an „you want to get the news out the moment you have it“ lässt sich im Grunde nicht viel kritisieren. Würde man anders mit News umgehen, wären sie wohl keine News mehr.

„Hauptsache Erster“ ist ein lobens- und erstrebenswerter Ansatz in der News-Berichterstattung, aber hin und wieder kommt das Gefühl auf, dass sich „Hauptsache Erster“ nicht mehr ohne „Ihr, die ihr News berichtet, lasst all eure Ansprüche fahren“ gesagt und gedacht werden kann. Ein Tag, an dem das immer wieder deutlich wird, ist der Tag der E3-Pressekonferenzen. Wir alle machen dasselbe: Wer nicht gerade vor Ort ist und nebenbei Twitter bedient, verfolgt einen Stream und bedient nebenbei Twitter. Die Information, die von der Bühne in den Twitterfeed tröpfelt, ist am Ende überall dieselbe: Entwickler X kündigt Spiel Y an. Garniert wird das ganze hin und wieder mit etwas Meinung, mal mehr oder weniger witzig präsentiert. Am Ende findet sich bei Twitter an diesem Abend die reine Information, kondensiert auf maximal 160 Zeichen.

Parallel oder wenig später findet sich dieselbe Information natürlich auch auf der zugehörigen Seite als News wieder. Ein US-Trend, der zum Glück noch nicht ganz zu uns herübergeschwappt ist, scheint die Unart zu sein, eine News zu schreiben, die nur aus der Überschrift besteht, die wiederum direkt von Twitter zu kommen scheint. Der Textkörper besteht Anfangs nur aus dem Wort „Developing“. Es entwickelt sich etwas lieber Leser, nur ein bisschen Geduld. Blöd nur, dass sich das Developing auch gern noch mehr als 24 Stunden danach in dem Artikel findet.

Hauptsache Erster. Hauptsache die Überschrift passt und der Klick ist bei Analytics. Während vorgeblich die Ethik im Videospiel-Journalismus zum Thema gemacht wird und YouTube zur neuen Bedrohung für den „klassischen Textschreiber“ stilisiert wird, zieht sich der Videospiel-Journalismus auf den Klick als Ziel zurück. Es gibt wohltuende Ausnahmen, aber sie sind gefühlt eben nur das: Ausnahmen. Was zählt, ist die Geschwindigkeit, die Form – ohnehin meist eher stiefmütterlich behandelt – ist zweitrangig. Wir haben ja den Luxus, gemachte Fehler schnell und nahezu rückstandslos zu entfernen. Warum also warten, bis der Text zurechtgeschliffen wurde. Fehler in so gut wie allen Spielarten können mit wenigen Klicks und einem Kommentar korrigiert werden.

Aber weil jeder News und fast alle das Gleiche machen, zählt eben nur das Hauptsache Erster. Fehler sind zu verschmerzen, am Ende ist Geschwindigkeit Trumpf. Geschwindigkeit mit einer Prise Persönlichkeit – Qualität wird zweitrangig.

„We don’t need people who follow the rules, we need people with personality. We want Zoe’s face, her energy, we want to get her on TV as much as possible; it helps us cut through the noise.“

„Personality“ ist nicht nur im traditionellen Journalismus von House of Cards das Allheilmittel, auch bei uns wird sie immer wichtiger. Was genau Personality ist, bleibt da irgendwie immer Interpretationsache. Wo sich alle einig zu sein scheinen, ist der Umstand, dass Personality in erster Linie immer auch Entertainment bedeutet, dass sie witzig sein und unterhalten muss. Solange sie das ist, scheint alles andere egal zu sein. (Wort-) Witz, Metaphern und das ständige Ich leisten hervorragende Arbeit, wenn es darum geht, Persönlichkeit über Information zu stellen und so tatsächlich das Grundrauschen zu durchdringen. Und das ist beeindruckend, vor allem in einer Zeit und einer Branche, in der Informationen – egal ob belanglos oder nicht – ständig auf den Leser, Zuschauer und Zuhörer einprasseln.

Nachrichten haben so gut wie keinen Nachrichtenwert mehr. Sie sind das Grundrauschen und wenn sie auffallen, dann fast nur noch negativ. Aber genauso schnell, wie der erste Kommentator auf den Fehler hinweist, ist er nicht nur verschwunden, so schnell ist auch die News keine News, sondern nur noch eine Sammlung von Buchstaben, für die sich niemand mehr interessiert. Dass diese Sammlung aber auch so aufbereitet werden kann, dass sie – wenigstens für den Moment – so etwas wie einen Mehrwert bieten und bruchstückhafte Informationen in einen größeren Kontext einbetten kann, das wird in all der Hektik gern vergessen, ignoriert oder die Autoren sind dazu einfach nicht mehr in der Lage.

Und das, wo doch „Personality“ und Meinung so sehr davon profitieren können, wenn sie sich auf nachvollziehbare und gut erklärte Informationen beziehen. Wer aber selber nicht mit solchen Informationen in Kontakt kommt oder sie aus dem PR-Brei herausfiltern kann, wird wohl kaum in der Lage sein, eine „brauchbare“ Meinung abzugeben und dann muss es irgendwie die Personality richten. Bei der „großen Gefahr für den klassischen Journalismus“ – YouTube – funktioniert das doch schließlich auch und dahin entschwindet das Zielpublikum ja in Scharen.

Ganz genauso, wie das Publikum in der Welt von House of Cards zu Slugline – dem Politico-Äquivalent der Serie – wechselt. Slugline ist cool, schnell und hat eine Meinung. Auf Abnahme durch einen Vorgesetzten muss nicht mehr gewartet werden, das Redaktionsbüro entspringt einem Einrichtungskatalog für junge, dynamische Startups und „die meisten Autoren schreiben auf ihren Handys.“

Aber Slugline verändert sich im Laufe der Zeit, die wir es bei House of Cards erleben: Es wird strukturierter, „professioneller“, es wird klassischer – ein bisschen so, wie die alten Medien, von denen Zoe Barnes so gelangweilt war. Ein Prozess, der so auch bei YouTube zu sehen ist: Kanäle werden in Netzwerken gebündelt, Netzwerke, die von großen Medienhäusern aufgekauft werden, die erfolgreichsten YouTuber sind nicht nur Persönlichkeiten, sie sind selbstständige Unternehmer. YouTube hat sich schon und wird sich noch weiter professionalisieren.

Und das während der schriftliche „Videospiel-Journalismus“ einem Ideal von Personality hinterherrennt und dabei irgendwie immer noch mit dem Journalismus-Aspekt kämpft.

Vor lauter Zukunfts- und YouTube-Angst vergessen und ignorieren wir, dass die (journalistischen) Grundlagen die vielleicht größte Baustelle sind. Die Baustelle mit der wir uns am ehesten noch beschäftigen sollten, wenn wir denn von unseren Lesern ernst genommen werden wollen und vielleicht auch wenn wir uns selber ernst nehmen wollen.