Der hysterische Kunde – Das schreckliche Downgrade von The Witcher 3

Der hysterische Kunde – Das schreckliche Downgrade von The Witcher 3

The Witcher 3: Wild Hunt ist da und es sieht anscheinend nicht mehr so gut aus, wie damals, vor knapp anderthalb Jahren, als Entwickler CD Projekt Red im Dezember 2013 einen Gameplay-Trailer veröffentlicht hat.

Schock, Empörung und Aufschrei – die üblichen Reaktionen auf das, was als Downgrade bezeichnet wird, hallen durch das Internet. Spieler fühlen sich betrogen und beklagen, dass die Entwickler sie mutwillig hinters Licht geführt haben, indem sie ein Video von einem Spiel zeigten, dessen fertige Version nicht den Erwartungen entsprach, die im Dezember 2013 geweckt wurden.

Die Kritik mag gerechtfertigt sein, aber wirklich neu ist der Umstand nicht, dass zwischen allem, was vor dem Release von einem Spiel gezeigt oder über ein Spiel gesagt wird und dem, was der Kunde am Ende in den Händen hält, mal mehr, mal weniger deutliche Unterschiede existieren.

Das „Problem“ beschränkt sich aber nicht nur auf CD Projekt Red und The Witcher.  Informationen gibt es im Vorfeld eine ganze Menge; entweder vom Entwickler selber oder von der Presse – beide Quellen berichten in der Regel aber nur über sorgfältig ausgewählte Ausschnitte eines Spiels. Über „Vertical Slices“, wie Gameplay-Demonstrationen, die nur einen Bruchteil des fertigen Spiels zeigen, wird sich jetzt wieder beschwert. Unehrlich sind sie, sie führen den Zuschauer in die Irre und verführen zum Kauf von einem Produkt, das am Ende ganz anders aussieht.

Und gerade die Spieler, die sich jetzt bei Reddit, NeoGAF oder Twitter über das Downgrade beschweren, wollen vor der Veröffentlichung so viel wie möglich über das Objekt der Begierde erfahren.

Es lässt sich vielleicht nicht empirisch beweisen, aber wer sich jetzt über das Downgrade beschwert, der hat sich mit The Witcher 3 nicht nur ein einziges Mal im Dezember 2013 und dann erst wieder zum Release im Mai 2015 beschäftigt, sondern in den Monaten dazwischen jeden Informationshappen aufgesogen, der aus offiziellen und inoffiziellen Quellen an die Öffentlichkeit kam.

Die zukünftigen Kunden interessieren sich für die Entwicklung des Spiels – vielleicht nicht im Sinne der tatsächlichen Arbeit hinter den Kulissen, aber doch für die Entwicklung, die Evolution des Spiels von seiner Ankündigung bis zu seiner Veröffentlichung. Sie sind diejenigen, die Special Interest-Seiten lesen, um auf dem Laufenden zu bleiben. Und das tun sie vielleicht auch nicht erst seit gestern, was wiederum bedeutet, dass sie ein einigermaßen klares Bild davon haben (sollten), dass sich Spiele verspäten, dass sie sich verändern oder eingestellt werden.

Sie sind das, was mehr oder weniger treffend vielleicht als „Core-Gamer“ bezeichnet werden kann. Der mündige Core-Gamer, der sich gern und lautstark beschwert, wenn etwas nicht so läuft, wie er sich das vorgestellt hat, der Zeter und Mordio schreit, wenn ein fertiges Spiel mit einer Spielzeit von hunderten Stunden anders aussieht, als ein Trailer von neunzig Sekunden.

Sie sind der Kunde, der bei aller Vorfreude anscheinend vergisst, dass ein Gameplay-Video lange Zeit vor dem Release nicht das fertige Spiel ist. Dass eine Konzeptstudie von einem neuen Auto, nicht das Auto ist, dass in ein paar Jahren vielleicht aus der Fabrik rollt. Dass ein Trailer nicht der ganze Kinofilm ist. Oder dass die Angaben zur Akkulaufzeit von einem neuen Handy nur in den seltensten Fällen der Realität entsprechen.

Sie ignorieren im Hype, dass alles, was vor der Veröffentlichung gezeigt wird, nicht das fertige Produkt ist, sondern bewusst gewählte Inhalte und Ausschnitte, die Interesse wecken und wachhalten sollen.

Wer sich im Dezember 2013 den Trailer zu The Witcher 3 ansieht, sich dann entscheidet das Spiel vorzubestellen und sich danach nie wieder mit dem Spiel beschäftigt, tut das als mündiger Kunde. Als mündiger und unglaublich unbedarfter Kunde, dem das Geld, das er für das fertige Produkt bezahlt anscheinend vollkommen gleichgültig ist.

Er ist ein Kunde, irgendwo zwischen dem Superfan, der dem Produkt seiner Begierde unglaubliches Vertrauen vorschiebt und dem Kunden, der im Media Markt ein Spiel mitnimmt, nur weil der Cover so gut aussieht.

Eine Mischung, die einer gewissen Idiotie nicht entbehrt, dafür aber jeden Funken von gesundem Menschenverstand vermissen lässt.

Woher da ein Anspruch auf Entschädigungen oder Wiedergutmachung im Namen der Fairness kommt, von der Marcin Iwinski, Mitbegründer von CD Projekt Red, im Interview mit Eurogamer spricht, ist mir ein absolutes Rätsel.

If they made their purchasing decision based on the 2013 materials, I’m deeply sorry for that, and we are discussing how we can make it up to them because that’s not fair.

Wer seine Kaufentscheidung auf dem Material von 2013 begründet, gibt hoffentlich sein eigenes Geld aus, zu dem er allem Anschein nach ein sehr eigentümliches Verhältnis hat. Wer sich danach mit einem nicht nachvollziehbaren Grundvertrauen darauf verlässt, dass The Witcher 3 über seine ganze Länge genauso wie diese 95 Sekunden sein wird, hat wohl auch zur Realität ein eher gespaltenes Verhältnis.

Es ist mit Sicherheit ein gutes Vorbild für andere Entwickler, wie offen CD Projekt Red jetzt endlich mit der Problematik umgeht, aber ich kann nur hoffen, dass Iwinski so viel Schmerzen dabei hatte, diesen Satz auszusprechen, wie jeder klar denkende Mensch sie haben sollte, wenn man ihn liest.

Vielleicht aber hat die Diskussion um das Downgrade von The Witcher 3 aber nicht nur die Idiotie des „mündigen“ Kunden unglaublich deutlich gemacht, sondern auch gezeigt, dass die Presse sich im Vorfeld weniger damit beschäftigen könnte, das Synonym-Wörterbuch nach neuen Superlativen zu durchsuchen, um Trailer, Screenshots und ähnliches zu beschreiben, sondern sich vielleicht auch mal zu einem abgeklärten Wort hinreißen lassen könnte.

Den Hype können die Fans auch ganz allein übernehmen. Was manche anscheinend nicht können, ist sich daran zu erinnern, dass auch Videospiele nur ganz normale Produkte sind, die verkauft werden wollen. Dass im echten Leben nicht jedes Versprechen eingehalten wird und dass Werbung, Werbung ist und nicht die Realität.