Etwas mehr Patina

Etwas mehr Patina

Warum immer die Vorsicht mit meinen Spielzeugen?

Ende der letzten Woche landete eine unerwartete Mail in einem Posteingang. Nintendo machte mir ein Angebot, das ich unmöglich ausschlagen konnte: Einer der ersten Besitzer des neuen Nintendo 3DS in der Ambassador Edition zu sein. Alles, was ich dafür tun müsste, war 199 Euro auf den Tisch zu legen und schon könnte der neue Handheld mir gehören. Vor allen anderen und dann auch noch in einer exklusive Edition, die nur ein ausgewählter Kreis von europäischen Club Nintendo-Mitgliedern in die Hände bekommen würde.

199 Euro für den 3DS, zwei Zierblenden und eine Ladestation. Der neue 3DS kostet regulär 169 Euro, dazu jeweils noch zehn Euro für die Blenden und noch mal zehn Euro für die Ladestation. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, das Angebot hätte mich nicht gereizt. Aber erstaunlich schnell habe ich realisiert, dass ich die 30 Euro mehr nicht für die „exklusiven“ Inhalte – tatsächlich exklusiv war nur eine der beiden Außenschalen – bezahlen würde, sondern einzig und allein dafür, neue Technik noch schneller in den Händen halten zu können.

Die Exklusivität war mir so egal, wie das „vor allen anderen“ – wen sollte das schon beeindrucken, wenn mich die Exklusivität nicht mal selber beeindruckt hat? Es ging einzig und allein um das Neue. Viel interessanter als das war aber der Gedanke, der kurz darauf durch meinen Kopf geisterte: Wenn ich mir schon diese wunderbar exklusive Variante des 3DS kaufen würde, dann sollte sie doch auch ordentlich und geschützt sein, vielleicht in einer einfachen aber schönen Lederhülle, die im Laufe der Zeit so richtig schön abgetragen aussehen würde. Die etwas Patina ansetzen könnte.

Technik setzt leider keine Patina an, sie wird nur alt oder unansehnlich. Vielleicht habe ich deswegen Hüllen, Cases und Sleeves für so gut wie jedes mobile Stück Technik, das ich besitze. Man will die Spielzeuge schließlich gut geschützt durch die Gegend tragen. So geschützt, dass sie immer noch ein bisschen neu aussehen. Neu und langweilig. Plastik setzt keine Patina an, Leder, Metall und Holz schon. Nur werden die leider viel zu selten eingesetzt.

Mein Handy ist die Sammelstelle für alles in meinem Leben, was sich irgendwie digital erfassen lässt. Kalender, Adressen, Notizen, Aufgaben, Scrapbook, Bücher, Fotos, Musik – auf alles kann ich mit dem Handy zugreifen. Aber jedes Notizbuch und jeder Kalender, den ich jemals besessen habe, ist interessanter und hat mehr „Charakter“ als das schwarze Stück Technik, das im mehr oder weniger regelmäßigen Zweijahresrhythmus ausgetauscht wird. Und auf einem Tisch voll mit gleichen oder ähnlichen Modellen würde ich es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht wiederfinden. Dafür, dass es so zentral für mein Leben geworden ist, bleibt es immer erschreckend austauschbar.

Vielleicht kommt daher der Wunsch, die Spielzeuge mit schönen Hüllen auszustatten, die nicht nur schützen sollen, sondern die auch gern die Abnutzungserscheinungen des Alltags einstecken dürfen. Schließlich ist der Schritt vom charmant abgenutzen Plastik an den Ecken und den feinen Mikrokratzern im Display bis zu echten Kratzern und Sprüngen nur ein sehr kleiner.

Gadgets wie Handys, Tablets oder eben ein 3DS sind seltsame Zwitter aus Alltags- und Wertgegenstand. Man kauft sie mit dem Wissen, dass sie in einem Zeitraum von wahrscheinlich zwei bis vier Jahren veraltet sein werden. Eigentlich genug Zeit, in der sie ein bisschen Patina ansetzen können, aber um Himmels Willen keine störenden Kratzer auf dem Display, gesprungenes Plastik und wenn möglich sollen sie auch immer so schnell sein wie am ersten Tag.

Die Zeit, in der wir Flaschen mit Handys aufgemacht haben, einfach weil sie das einzige waren, was wir zur Hand hatten und die das vor allem auch noch schadlos ausgehalten haben, ist lange vorbei. Smartphones sind zu wertvoll, zu filigran und eben zu wenig Alltagsgegenstand. Bei mobilen Spielplattformen sieht das ganz ähnlich aus – ganz egal, ob es nun eine PS Vita, ein 3DS oder ein Tablet ist. Sie sind zwar darauf ausgelegt, überall mit hingenommen zu werden, aber nicht wirklich darauf, die Strapazen im Innenleben von Rucksack oder Tasche schadlos zu überstehen. Das gilt wohl noch mehr für Vita und Tablets mit ihren offen liegenden Displays, als den 3DS, der vielleicht keine Schönheit, aber – in der Tradition des Game Boys – immerhin praktisch und überraschend robust ist.

So robust, dass ich mittlerweile immerhin dazu übergegangen bin, meine (unheimlich exklusive) Ocarina of Time-Special Edition vollkommen ungeschützt in die nächste Tasche zu werfen. Mein Handy hat schon lange keine Hülle mehr gesehen, mein Notebook, das an einer Stelle von einem Stück Gaffer-Tape zusammengehalten wird, landet auch einfach so in der Tasche und bei meinem iPad ist es mir herzlich egal, wie zerkratzt – wohlgemerkt aber auch nur – die Rückseite ist. Vielleicht wird man etwas entspannter, wenn man Zeuge wird, wie das eigene Kind, alles, was bei drei nicht außer Reichweite ist, vom Tisch fegt oder vollspeichelt.

Und genau dieses „Schicksal“ blüht auch meinem New 3DS. Dem ganz normalen Modell. Die Ambassador Edition habe ich nicht gekauft und wie sich herausgestellt hat, war das die erste gute Entscheidung des Jahres, denn nur knapp vier Wochen Vorlauf wären mir 30 Euro nicht wert gewesen. So wird es nun ein ganz normaler, kleiner schwarzer New 3DS, vielleicht mit einer Monster Hunter-Zierblende. Den werde ich am 13. Februar vorsichtig nach Hause tragen, auspacken, aufladen und dann achtlos in meine Tasche werfen.

Es sei denn, es besteht die Gefahr, dass die Displays zerkratzen.

Dann kommt er vielleicht doch in eine Tasche. Oder bekommt zumindest eine Display-Schutzfolie.